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re:publica12 Rückblick Teil2

Hacking für den WeltfriedenHaupthalle der #rp12

In den letzten Wochen gab es eigentlich keinen TV-Beitrag einer Demonstration indem nicht die Maske, die an den Revoluzzer Guy Fawkes erinnern soll, auftauchte. Bevorzugte Träger dieser Maske sind die Mitglieder (oder Sympathisanten) der anonymen Protestbewegung „Anonymous“.

Viele Vorträge, insbesondere im netzpolitischen Kontext, knüpften an den Aktivitäten dieser Gruppierung an – mit streckenweise sehr kontroversen Meinungen.  Die Erkenntnis im Falle Anonymous war, dass es sich um keine Gruppierung oder Organisation, sondern um ein Label handelt. Jeder kann sich dieses Labels bedienen, um zum Beispiel anonym „geheime“ Dokumente zu posten. Hier liegt aber auch genau die Schwäche. Es gibt keine Hierarchie, keine Ansprechpartner und auch kein wirkliches Aufnahmeritual. Somit kann  das Label jederzeit infiltriert  werden und kann für jeden Schabernack genutzt werden, bis die Kontur des Labels verwischt und als unattraktiver Chaotenhaufen in die Außenwelt wirkt.

Auf der diesjährigen re:publica wurden  die Aktivisten zwar für ihr Engagement (vor allem zur Bekämpfung von ACTA) gelobt. Allerdings gab es auch Kritik gegenüber der ausgeübten Selbstjustiz von einigen Anonymous Aktivisten. Frank Rieger vom Chaos Computer Club (CCC) hat die destruktiven Aktionen (z. B. DDOS Attacken) bemängelt. Der Hacker Codex verfolgt das Ziel, alle Kommunikationsformen zu verteidigen und aufrecht zu erhalten, während solche Attacken die Kommunikationskanäle lähmt und auch wichtige Services, die nicht Teil des Ziels waren, mit beeinträchtigt.

Außerdem wissen die User, die sich an solchen Aktion relativ einfach beteiligen können (Softwaredownload reicht), oft nicht ausreichend um die Risiken. Ungefährer Oton auf der Podiumsdiskussion mit Jacob Appelbaum (Netzaktivist), Carolin Wiedemann (Anonymous  Forscherin) und Frank Rieger (CCC) war, dass wenn ein Aktivist auf die Straße geht und sich auf Gleisschienen setzt um einen Castor-Transport zu verhindern, er genau weiß was ihn erwartet (Wasserwerfer, verärgerte Polizisten und ggf. eine kurze Haftstrafe).

So hat der Aktivist auch seine Tätigkeit und sein Engagement geplant. Während nun durch einen Download eine bequeme Art von Aktivismus geschaffen wurde, die den User aber im Unklaren über die Konsequenzen lässt. Cyber-Terrorismus kann Haftstrafen von bis zu 10 Jahren nach sich ziehen, da sollte man schon ganz genau wissen was man da tut und wofür eigentlich – denn einen Codex (oder ethische Grunsätze) wie beim CCC sucht man bei Anonymous vergebens. Wer die Session gerne anschauen möchte, findet sie unter anderem auf SpOn.

Es gab aber auch noch andere Formen von Hacking, die auf der re:publica in entspannter Atmosphäre vorgestellt wurden. Das so genannte Life-Hacking beschreibt, wie sich das Leben durch Tricks und Kniffe vereinfacht oder gar ein lange ertragenes „Problem“ löst. So zum Beispiel die 3D-Drucker Fraktion. Durch die günstige Produktion von Plastikteilen, werden regelrechte Ideenströme losgetreten. Verbindung von Playmobil zur Legowelt, Ikea Möbel werden in Vollendung zusammengewürfelt und bekommen neue Teile – gar Dimensionen. Eine neue Welt am Zeigefinger und nur einen Mausklick entfernt.

Recht und Unrecht im Internet

Beim Thema „Recht im Internet“ kam man in allen Vorträgen an einem Wort nicht vorbei – dem Urheberrecht. Zum Schutz des geistigen Eigentums, irgendwie aus der Berner Übereinkunft 1908 abgeleitet und gefühlt seit dem nicht angepasst. Stimmt natürlich nicht. Es gab viele Reformen, die zunehmend die Nutzung von Marken, Ideen, Kunst, Texte, Bilder etc. regelt – privat und unternehmerisch.

Verurteilt wurde auf den meisten Bühnen die Kriminalisierung von privaten Usern.  Postings auf Facebook, Google+, Twitter und Co. müssen unter penibler Einhaltung der Gesetzeslage passieren – und das obwohl kein Geschäftszweck hinter den LOLCATS steckt.

Hier treffen zwei sehr verfahrene Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Internetuser die meinen, dass durch Anmerkungen auf Bildern oder Tonänderungen bei Videos das Urheberecht ja nicht so richtig gelten kann und auf der anderen Seite die Produzenten, die Verdienstausfälle beklagen. Prügelknabe dieser Debatte (nicht ganz zu Unrecht) sind die Verwertungsgesellschaften wie GEMA oder GVL. Sie tragen weder zum Reichtum der Künstler bei, noch zur Schlichtung der Debatte. Eigentlich sind sie lachende Dritte – aber nun mal aktuell auch im Recht.

Die Frage die auf der re:publica nicht zum ersten Mal gestellt wurde: Wie kann die Gesetzeslage geändert werden, ohne das Prinzip des geistigen Eigentums aufzugeben, aber zeitgleich Nutzungsfreiräume für private Internetnutzer zu schaffen. In der Frage versteckt ist natürlich auch eine Diskussion um den schnöden Mammon. Muss Youtube als Anbieter einer Videoplattform Gema zahlen? Dürfen User nur gemafreie Musik nutzen? Was ist ein öffentliches Posting und was ist „privat“? Schwierige Fragen, die zeitnah geklärt werden müssen, damit Rechtssicherheit für Internetnutzer herrscht und der Abmahnkult von dubiosen Rechtsanwaltskanzleien gestoppt wird.

Ein Lichtblick war für mich der Auftritt des Telekom Hilft Teams. Hier zeigte ein großer Konzern, wie man mit Internetmenschen reden kann, auch ohne die Rechtskeule zu schwingen. Im konkreten Fall ging es um den „Fakeaccount“ telekom_hiIft (ein kleines und ein großes i machten es möglich). Der Account hat den Support der Telekom durch lustige Kommentare erschwert. Hier half ein wirklich gut geschriebener offener Brief an den Accountbesitzer.  Zwar nicht neu, für mich aber noch immer eines der besten Beispiele für gelungene Unternehmenskommunikation. Das re:publica Publikum empfand dies ähnlich und belohnte das Telekom Hilft Team mit einem herzlichen Empfang und viel Beifall.

Man sieht, wer nicht da war hat viel verpasst. Die re:publica 2012 war ein echter Quell des Wissens und erlaubte einen tiefen Einblick in die Subkultur der Internetszene. Daher gibt es auch noch einen weiteren Teil des #rp12 Rückblickes. Stay tuned.

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re:publica12 Rückblick Teil1

Opening der re:publica12 in Berlin

Bereits zum sechsten Mal luden die Veranstalter der re:publica (u. a. Markus Beckedahl [netzpolitik.org] und Johnny Haeusler [Spreeblick]) nach Berlin, doch einiges war anders als sonst. Die #rp12 fand in einer neuer Lokation (der Station Berlin – ehemals Postbahnhof) statt. Das neue Gewand des so genannten Klassentreffens lies keine Wünsche offen und bot ein rund um innovatives und kreatives Konferenzkonzept.

Von Plastikstühlen die für Stuhlkreise, Reise nach Jerusalem Spiele und zur Erweiterung von der Konferenzbestuhlung genutzt wurden, bis hin zum Open Space für spontane Sessions, war alles auf „ACT!ON“ ausgerichtet – ganz Motto getreu. Eine APP zur Planung der Sessions durfte genauso wenig fehlen, wie ein ausgeklügeltes Catering mit Slowfood oder Bratwurst und Mate oder Fritz Cola. Eine moderne Konferenz hätte einfach nicht besser aussehen können.

Der Wandel war aber auch nötig – 300 Redner aus 30 Ländern mit fast 200 Stunden Programm und über 3.000 Teilnehmern wollten untergebracht und ge(ver-)plant werden. Spätestens bei diesen Fakten hätte vermutlich jedes Tagungshotel dankend abgewunken. Die 3.000 Besucher haben die insgesamt 8 Hallen (bzw. Stages) nicht nur mit Leben, sondern auch mit WLAN Geräten gefüllt. Mehr muss zum Thema Internetinfrastruktur aber auch nicht gesagt werden 🙂

Barrierefreiheit

Willkommensbild der Republica - Eingang mit LeutenDie Barrierefreiheit war wohl das Thema, was (wohl nicht nur) ich bis zur re:publica viel zu wenig präsent hatte. Natürlich hat man mal bei Webprojekten auf die Klassiker, wie ALT-Tags und Schriftgrößenoptionen geachtet. Aber welche Bedeutung Barrierefreiheit für Betroffene hat, wurde auf der re:publica in einer Deutlichkeit vor die eigene Nase gehalten, dass man sich etwas schämte es nicht „natürlicher“ einzusetzen. Nicht die Frage zu stellen, ob man soll, sondern viel mehr zu fragen, was man noch besser machen kann.

Zwei Lichtgestalten der Konferenz waren in diesem Bereich  Julia Probst, die selbst dem Regierungssprecher ordentlich eingeheizt hat und Raul Krauthausen, der mit dem Onlinedienst wheelmap.org, den wohl bekanntesten Beitrag zum Thema Barrierefreiheit im Netz mit aufgebaut hat.

Die #rp12 ist mit sehr gutem Beispiel voran gegangen. Machen statt predigen war die Devise und so wurde Barrierefreiheit nicht nur in Vorträgen behandelt, sondern auf der Konferenz gelebt. Gebärdendolmetscher, gut zugängliche Räume & WCs und ein gut erreichbares Gelände, waren nur ein paar Auszüge der Barrierefreiheits-Liste.

Spannend war, dass die meisten Themen die diskutiert wurden noch aufs „Real Life“ bezogen waren. Es wurde nur wenig Kritik an digitalen Angeboten großer Hersteller gerichtet. Ich denke, dass der Leidensdruck im Alltag vor der Tür aktuell noch ein größerer ist, als der im Web. Aber auch im Netz wird es in den kommenden Jahren sicherlich wichtige Veränderungen geben, die auch die Lösung einiger Real-Life-Probleme mit sich bringen.

Das war der erste Teil meines persönlichen re:publica 2012 Rückblicks. Anhand der Themenfülle könnte es bis zu vier Teile geben – hoffentlich zeitnah! Aber wie sagte Lobo so schön, mehr Bloggen! In diesem Sinne 🙂

Was ist eigentlich dieses Employer Branding?

7. November 2011 3 Kommentare

Keine Sorge, hier werden keine Angestellten verbrannt. Es handelt sich hierbei um…ach was soll ich es beschreiben, wenn es schon 2007 von der DEBA (Deutsche Employer Branding Akademie) definiert wurde:

„Employer Branding ist die identitätsbasierte, intern wie extern wirksame Entwicklung und Positionierung eines Unternehmens als glaubwürdiger und attraktiver Arbeitgeber.

Kern des Employer Brandings ist immer eine die Unternehmensmarke spezifizierende oder adaptierende Arbeitgebermarkenstrategie. Entwicklung, Umsetzung und Messung dieser Strategie zielen unmittelbar auf die nachhaltige Optimierung von Mitarbeitergewinnung, Mitarbeiterbindung, Leistungsbereitschaft und Unternehmenskultur sowie die Verbesserung des Unternehmensimages. Mittelbar steigert Employer Branding außerdem Geschäftsergebnis sowie Markenwert.“

*Quelle: DEBA 2006, Fassung vom 14. April 2007

Es handelt sich also um den Prozess der Markenbildung (Branding). Jedoch nicht mit dem klassischen Ziel der Absatzsteigerung, bedingt durch zum Beispiel eine Präferenzbildung am POS (Point of Sale). Sondern um eine Art von Branding, die den Präferenzeffekt in den HR Bereich (zum Beispiel dem Recruiting) transferiert. Warum zum Beispiel? Weil es beim Employer Branding nicht nur um Recruitment zugewandte Maßnahmen geht, sondern auch um Mitarbeiterbindung, Ausbau oder Veränderung der Unternehmenskultur und sogar um Beeinflussung von Performance-Kennzahlen.

Bevor jedoch die direkte Beeinflussung der Employer Branding Maßnahmen den Perfomance-Kennzahlen wie Krankheitsstand, Output-Qualität oder Führungsaufwand eindeutig zugwiesen werden kann, wird sich die Wirtschaft auf eine einheitliche Formel zum errechnen des ROI von Social Media einigen. Also irgendwann 2043 :-).

Warum betreiben Unternehmen diesen Aufwand?

Es geht darum ein Ungleichgewicht im Markt zu überbrücken. Wie in allen Märkten können durch Angebot und Nachfrage die Kräfte verschoben werden und so Anbieter- bzw. Nachfragemärkte entstehen. Durch den demographischen Wandel und den Fachkräftemangel angeheizt, werden Unternehmen schon bald einen hitzigen Wettbewerb um die besten Mitarbeiter erleben. Wie für jede gute Wettbewerbsschlacht gilt auch hier, Vorbereitung ist die halbe Miete. Also werden die Waffen gewetzt und schon mal pauschal mit den Säbeln gerasselt. Aber was sind die bezahlbaren Waffen im Kampf um Young Professionals? Aufwändig inszenierte Webespots und umfassende Image-Kampagnen wird sich der Mittelstand kaum leisten können – Ingenieure und Controller braucht der Mittelstand trotzdem.

Also werden künftig in Guerilla-Manier die sozialen Medien infiltriert und das Unternehmen als toller Arbeitgeber präsentiert. Jedes Unternehmen ist dabei Kinder freundlich, sozial engagiert, auf work-life-blance bedacht und bietet die besten Sozialleistungen. Doof nur, dass dann wirklich Mitarbeiter anheuern, die sagen wie es wirklich ist. Hier wird die Krux deutlich. Es bedarf nicht nur toller Werbekampagnen(sei es below oder above the line). Die Unternehmen müssen sich kritisch mit ihrer Unternehmenskultur auseinandersetzten und reflektieren, ob diese noch wettbewerbsfähig ist. Bester Einstieg dies zu tun: überdenken Sie, wie Ihr Unternehmen zur privaten Nutzung des Internets (und sozialen Netzwerken) am Arbeitsplatz steht. Denn für viele Young Professionals ist dies bereits ein Killerkriterium, wie eine Studie des Wirtschaftsmagazins CIO ergab.